Radio Mujb´Ab´l Yol

Der guatemaltekische Bürgerkrieg begann schon 1960. In den 80er Jahren fand 
er jedoch seinen blutigen Höhepunkt. Die so genannte "Politik der verbrannten Erde" sollte damals den Untergrundbewegungen der Guerilla ein Ende bereiten indem die damaligen Diktatoren pauschal ganze Dörfer auslöschten. Innerhalb 
der 36 Jahre Bürgerkrieg starben mehr als 200.000 Menschen. Viele von ihnen waren Frauen und Kinder. Massengräber der 80er Jahre werden seit Jahren von verschiedensten Menschenrechtsorganisationen ausgehoben, doch auch heute leben die MitarbeiterInnen dieser Organisationen gefährlich. Der 1996 unterschriebene Friedensvertrag wurde bis heute in vielen Punkten nicht umgesetzt. Auch Menschen, die ihre Meinung frei äußern und die Regierung 
offen kritisieren, leben nach wie vor gefährlich. 

Eine politisch und sozial aktive Gruppe, die sich bis heute nicht einschüchtern lassen hat, ist Mujb´ Ab´l Yol (Treffpunkt der Äußerungen), ehemals Voz Popular (Populäre/Volksstimme): Voz Popular wurde 1987 von 32 Guerilleros (WiderstandskämpferInnen) gegründet. Sie erkannten, dass die Guerilla-Bewegung nur eine Chance hatte, wenn die Bevölkerung politisch aufgeklärt werden würde. Drei Faktoren spielten eine wichtige Rolle bei er Entscheidung, diese Aufklärung per Radio zu gestalten: 

1. Guatemala hat eine Analphabetenrate von ca. 35%, in ländlichen Gegenden liegt sie noch weit höher als in Städten.
 
2. In ländlichen Gegenden gibt es zudem kaum Tageszeitungen. Batteriebetriebene Radios sind meist die einzigen Informationsquellen im Hochland.

3. Für viele GuatemaltekInnen ist die spanische Landessprache schon Zweitsprache. In ländlichen Gegenden mit einem hohen indigenen Anteil wird auch heute noch hauptsächlich in den 22 verschiedenen Indigena-Sprachen gesprochen. Meist spricht nur der Familienvater etwas Spanisch. Die Frauen beherrschen oft nur die Zahlen in Spanisch, damit sie auf den großen Märkten 
mit den Frauen anderer Sprachgruppen verhandeln können. 

Voz Popular begann am 22.5.1987 als offizielles Sprachrohr der gesamten guatemaltekischen Guerillabewegung (URNG, Unidad Revolucionaria Nacional Guatemalteca) mit einer provisorischen Radiostation, die versteckt am Hang des Vulkans Tajumulco in der Nähe von Quetzaltenango lag. Von hier aus berichteten sie neun Jahre lang auf illegalen Frequenzen in vier Sprachen (Spanisch, Mam, Quiche, Kaqchikel) über die politische und soziale Lage in Guatemala. Ihre Aufklärung war ein wichtiger Beitrag zur Annäherung an die Friedens- verhandlungen Mitte der 90er Jahre.

Als am 29. Dezember 1996 der guatemaltekische Friedensvertrag unterschrieben wurde, setzte sich die URNG dafür ein, Voz Popular als legalen Radiosender 
anerkennen zu lassen. Nach ersten Zusagen stellte sich jedoch heraus, dass die 
im Friedensvertrag festgehaltene Meinungsfreiheit - wie auch viele andere 
Punkte des Vertrages - nicht selbstverständlich umgesetzt werden würden.

Derweil wurde aus Voz Popular trotz allem ein Verein zur Förderung 
der politischen Bildung und einer freien Meinungsäußerung: Der Radiosender 
Mujb´ Ab´l Yol - als Tochter von Voz Popular - begann in offiziellen Räumen und mit besserem Equipment seine Arbeit. Ziel ihrer Arbeit ist eine möglichst weite politische und soziale Aufklärung und ein Bewusstsein hierfür erreichen zu können. Mujb´Ab´l Yol ist parteilos und will keine einseitige Propaganda verbreiten. Alter, Geschlecht und Religion spielen bei Mujb´Ab´l Yol keinen Rolle. 

Alberto Ramirez Recinos (Tino) war bei Mujb´Ab´l Yol von Anfang an die treibende Kraft. Er war schon bei Voz Popular für den Sender verantwortlich und ist auch heute noch Vorsitzender von Mujb´Ab´l Yol. 

Nach Gründung von Mujb´ Ab´l Yol musste allerdings weiterhin über illegale Frequenzen gesendet werden, denn die neue Regierung tat alles, um einem politischen Radiosender Steine in den Weg zu legen. Beispielsweise hieß es, Radiofrequenzen könnten fortan nur ersteigert werden. Je nach Angebot stieg dann aber auch jeweils der Preis...

Mujb´Ab´l Yol gehört zu den so genannten Basisradios oder auch Gemeinderadios. Laut heutigem Gesetz sind Gemeinderadios grundsätzlich illegal (Decreto 94-96). Der Sender kämpft also nach wie vor um eine Legalisierung und um eine legale Frequenz. Doch Mujb´Ab´l´Yol hat im Laufe der vergangen Jahre trotzdem schon viel bewegt. Hier einige Beispiele ihrer Arbeit:

2004: 
Immer mehr Jugendliche finden sich unter „Doble Via“ zu einem „jungen Sender“ unter der Führung von Mujb´Ab´l Yol zusammen. Sie sprechen im Radio über Themen, die bis dato tabuisiert waren (Politik, Machismo, Gleichberechtigung, Verhütung, etc.).

Mujb´Ab´l Yol entwarf eine Änderung zur Reform des Gesetzes der Meinungsfreiheit (Decreto 94-96). Mit dieser Änderung wären auch alle Basisradios legal und geprüft. Der Vorschlag zur Gesetzesänderung wurde im Kongress gelesen und danach von Mujb´Ab´l Yol nochmals überarbeitet. Doch bevor es zu weiteren Fortschritten kam, wurden einige Basisradios „gestürmt“ und geschlossen, Equipment wurde eingezogen. Begründung der Aktion: Einsatz gegen illegale Sender mit illegalem oder zumindest unbekanntem Inhalt.

Mujb´Ab´l Yol schloss sich mit insgesamt 27 anderen Basisradios zu einem Bündnis zusammen. Ziel war es, gemeinsam um die Meinungsfreiheit zu kämpfen und gegenseitig Erfahrungen auszutauschen. In den Räumen von Mujb´Ab´l Yol finden seitdem Workshops statt (für Moderation, Technik und Verwaltung der Sender). 

2005: 
Im März 2005 hielt Tino auf dem „Internationalen Treffen des Ausschusses der Menschenrechte“ in Washington eine Rede. Ende 2005 flog er nach Spanien und sprach auch dort vor Menschenrechtsausschüssen. Daraufhin bot die guatemaltekische Regierung Mujb´Ab´l Yol zwei nationale und vier regionale Frequenzen an. Das Angebot wurde dann aber wieder zurückgenommen. Angeblich waren verschiedene Sektoren innerhalb der Regierung gegen diese Entscheidung. 

Ende 2005 wurden Teile Guatemalas von Wirbelsturm „Stan“ verwüstet. Besonders betroffen war die Gegend westlich von Quetzaltenango. Mujb´ Ab´l Yol rief sofort per Radio zur Hilfe auf. Zusammen mit Alice Lee So Fong vom CasaSito-Verein und von Mariposa e.V. organisierte Tino eine große Spendenaktion und koordinierte den Einsatz in Tacaña.

2006:
CEPAZ (Centro de Paz) ist eine Nichtregierungs-Organisation (NRO) mit Sitz in El Salvador. Seit Januar 2006 bekommt Mujb´Ab´l Yol Stipendien von CEPAZ und es werden Berater geschickt. 

Das Tinamit-Programm der EU begann eine einjährige Förderung von Mujb´ Ab´l Yol. Tinamit übernahm die Mietkosten des Senders und richtete Schlafplätze ein. Mujb´Ab´l Yol hatte die Kapazität und Aufgabe ein Jahr lang in Seminaren Radiomoderatoren und Techniker auszubilden, bzw. fortzubilden.

2007:
Mujb´ Ab´l Yol beginnt mit Informationssendungen zur kommenden Wahl (Ende 2007): Sie lassen Politiker und Bürgermeister-Kandidaten sprechen und sie klären über Hintergrunde zur Wahl auf. Mit ihrem stetigen Aufruf per Radio, die DorfbewohnerInnen möchten doch schon jetzt einen Personalausweis beantragen, wollen sie erreichen, dass möglichst viele Menschen an der Wahl teilnehmen können (viele Menschen im Hochland besitzen keinen Ausweis und sind damit von der Wahl ausgeschlossen). 

Der CasaSito-Verein und Mariposa e.V. sammeln Spenden für ein Stück Land, auf dem eine Radiostation für Mujb´ Ab´l Yol gebaut werden soll. 

2008: 
Anfang des Jahres erhält Mujb´ Ab´l Yol wieder ein weiteres Projekte inkl. Förderungen von Tinamit.

Das Land für den neuen Radiosender ist bezahlt. Mariposa e.V. hat fast die Hälfte des Kaufpreises übernommen. AktivistInnen um Mujb´ Ab´l Yol und der 27 verbündeten Gemeinderadios haben bereits mit dem Fundament für 
das Gebäude begonnen. Jetzt werden Spenden für den Bau des Senders gesammelt. 

2009 bis 2011:
Auf dem neu erworbenen Grundstück in Quetzaltenango begannen Anfang 2009 die Bauarbeiten der neuen Sendestation und des Fortbildungszentrums für Mujb' Ab'l Yol. Schülergruppen hatten die Bauarbeiten vor Ort unterstützt. Ende 2011 war der Rohbau weitestgehend fertig gestellt. Nun folgt der Innenausbau. Tino und seine MitarbeiterInnen freuen sich über jede weitere Hilfe für dieses Jahr, damit der Bau der neuen Sendestation abgeschlossen werden kann.

Im Dezember 2009 erhielt das Projekt zusammen mit 24 weiteren Organisationen eine Auszeichnung des Tinamit EU-Programms für seinen Beitrag zur demokratischen Stärkung der Zivilgesellschaft in Guatemala. In Zusammenarbeit mit der Organisation Cultural Suvival hat Mujb 'Ab'l Yol eine starke öffentliche Campagne begonnen, um Gemeinderadios zu legalisieren. 

2012:
Endlich kann der Bau der neuen Radiostation in die Endphase gehen. Die Einweihung des neuen Senders wird im nächsten Jahr sein. Noch sendet Muj´b Ab´l Yol vom gemieteten Standort aus. Die AktivistInnen um Alberto Recinos arbeiten weiter an der landesweiten Vernetzung der lokalen Radiostationen und an der politischen Aufklärung via Radio. Sie geben Workshops für Moderatoren anderer Sender und agieren inzwischen auf höchster politischer Ebene.

2013:
Die neue Radiostation ist fertig. Der CasaSito-Verein verhalf Mujb´Ab´l Yol Anfang des Jahres zu einer Förderung aus den USA (175.000 US$, Inter American Foundation, IAF), die die zügige Fertigstellung des Radiosenders ermöglichte und außerdem viele weitere Workshops für die nun insgesamt 28 verbündeten Gemeinderadios ermöglicht.

Die Einweihung der Radiostation war auch zeitgleich das 15jährige Jubiläum des Radiosenders. Das Fest begann schon morgens um vier mit einer Mayazeremonie. Weit über 300 geladene Gäste nahmen an der Feier teil, unter ihnen auch Christine Dittmer, Vorsitzende von Mariposa e.V. Es gab viele Reden und sehr emotionale Momente, denn die Geschichte des Senders und seiner mutigen AktivistInnen ist voll von Erlebnissen, die wir uns hier in Deutschland kaum vorstellen können.  

Bis heute haben sich die politisch Aktiven um Mujb´ Ab´l Yol nicht verdrängen lassen. Sie senden weiter auf illegalen Frequenzen, bzw. auf Frequenzen, die sie stundenweise von anderen Sendern zur Verfügung gestellt bekommen. Sie liefern ihre Programme zur politischen Bildung an Schulen und Menschenrechts-Organisationen. Längst sind sie in vielen politischen Gremien vertreten und kämpfen weiter für Meinungsfreiheit und Demokratie in Guatemala. Sie finanzieren sich durch Spenden und durch Öffentlichkeitsarbeit, z.B. durch Vorträge und durch Touren zu den ehemaligen Voz-Popular-Standorten.

Für Spenden an Mujb´Ab´l Yol geben Sie bitte auf dem Überweisungsschein unter Verwendungszweck das Kürzel „Radio“ an.
2013: Die Radiostation ist fertig! Ein Bürgermeister-Kandidat spricht bei Radio Mujb´ Ab´l Yol Mujb´Ab´l Yol und Studenten: Vulkan- besteigung und Geschichtsbewältigung Jugendliche Moderatoren von „Doble Via“ Ex-Diktator Rios Montt hatte keine 2. Chance - auch dank der mutigen Worte von Mujb´Ab´l Yol Alberto Ramirez Recinos (Tino) Mujb´Ab´l Yol Vortrag in Antigua, 2012 Baubesprechung auf dem neuen Grundstück des Senders (Tino Recinos, Alice Lee) CasaSito und Mariposa e.V. mit Tino beim Fest zur  Einweihung und zum 
15-jährigen Bestehen des Senders. Aus allen Teilen des Landes kamen die Menschen, um den neuen Radiosender einzuweihen. Mayazeremonie zur Einweihung der neuen Radiostation. Am Nachmittag wurde viel getanzt. Mujb´Ab´l Yol